Reso: Von der Hauswand auf die Leinwand

Von am 12-31-2012 in Kunst

Reso: Von der Hauswand auf die Leinwand

Was bringt einen weltbekannten Graffiti-Künstler dazu, nach 20 Jahren erfolgreichen Sprayens den Hauswänden den Rücken zuzukehren, um fortan nur noch auf Leinwand zu malen? Verantwortlich dafür sind eine Tante in New York, die klassische Kalligrafie und der Mut, sich über Regeln hinweg zu setzen.
Im Wesentlichen bestehen seine Kunstwerke aus nur vier Zeichen: „reso“. Das ist der Künstlername des 1975 in Saarbrücken geborenen Graffiti-Künstlers und Malers Patrick Jungfleisch. 20 Jahre lang sprühte der Sohn einer französischen Mutter und eines saarländischen Vaters den Schriftzug seines Künstlernamens in unzähligen Varianten in der ganzen Welt auf Wände. Der Name Reso leitet sich vom französischen Wort für Netz, „réseau“, ab, das der Künstler mit dem abschließenden „o“ eingedeutscht hat.

Zur Graffitikunst kam er im zarten Alter von 13 Jahren, als er die Sommerferien bei seiner Tante in New York verbrachte. Die gesprayten Kunstwerke auf den Wänden und vor allem auf den U-Bahn-Zügen der US-Metropole hatten es ihm sofort angetan. Die ersten Anregungen, an denen er sich durch Kopieren künstlerisch versuchte, waren Abbildungen in Büchern über Graffiti, ein Geschenk seiner Tante.

Im Gymnasium in Saarbrücken fand er einen äußerst verständnisvollen Direktor, der sein Talent erkannte und ihm sogar die Außenwände des Schulgebäudes zur freien Gestaltung überließ. Weil auch Resos Eltern in seinen Arbeiten keine Sachbeschädigung, sondern Kunst sahen, stand einer Karriere nichts mehr im Wege. Er wurde zum führenden Graffiti-Writing-Künstler. Da sich der Begriff Graffiti vom griechischen Wort für Schreiben ableitet, überrascht es nicht, dass Reso sich im Grunde als Kalligraph sieht.

Als Graffiti-Künstler war Reso lange Zeit ein festes Mitglied der Hip-Hop-Kultur. Dort dominierte aber die Musik, Sprayer waren meist nur unbezahlte Statisten. So ging er bald seinen eigenen, unabhängigen Weg. Diese Unabhängigkeit brachte ihn bald in Konfrontation mit den klassischen Graffiti-Kreisen. Nach außen ist diese Kunstform gesellschaftskritisch, alternativ, offen und revolutionär. Doch die Hardliner der Szene definieren für die verschiedenen Formen von Graffiti ein strenges Regelwerk. Im großen Bereich Street-Art darf mit unterschiedlichen bilderreichen Darstellungen gearbeitet werden, beim Writing sind nur waagrecht angeordnete Zeichen geduldet. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird in der Szene nicht akzeptiert. Reso definierte diese Regeln neu und wurde nicht zuletzt dadurch zum Vorbild für unzählige ähnlich denkende Sprayer. Um die hemmende Regelwelt der Szene vollkommen hinter sich zu lassen, entschloss sich Reso nach 20 Jahren, auf Leinwand umzusteigen und mit Pinseln statt Spraydosen zu arbeiten.

Ein Umstieg, der den 36-Jährigen zum weltweit gefragten Maler in vielen Galerien und Auktionshäusern machte. Die Basis für seine Motive bilden immer noch grafische Zeichen. Die Bilder der letzten Jahre haben in ihrer Reduziertheit stark meditativen Charakter. Oft ist es auch Musik, die den Maler inspiriert und seinen Stil beeinflusst. Formal erinnern noch herablaufende Farbspuren an die Graffitis. Spuren, die nicht so leicht verschwinden werden im Gegensatz zu den Bildern auf den Hauswänden oder Eisenbahnwaggons, denen nur ein kurzes Leben beschieden ist. Im Jahr 2010 ging Reso noch einen Schritt, eine Dimension weiter. Er schuf seine erste Graffiti-Skulptur, „object one“. Als dreidimensionales Objekt sind seine Zeichen jetzt nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar.